Kultur schafft Toleranz – KulturPreis Europa an Hans Werner Henze

Uraufführung der Oper GISELA im Rahmen von Ruhr 2010 und Ruhrtriennale

(von Christian Bauer) So wie der 84jährige Komponist Hans Werner Henze stetig daran arbeitet, Kultur aus dem Elfenbeinturm zu holen und sich politisch einzumischen, brachte auch das ihm gewidmete „Henze-Projekt” seine Werke in neue Zusammenhänge.


HWH: "Die Musik selber muss sagen, wie es weitergeht."
„Ja, Hans Werner Henze, in Deutschland wollen die immer noch etwas von Ihnen, die, mit denen Sie nicht immer übereinstimmten, vor denen Sie zeitweise flohen, mit denen Sie sich erbitterte Kunstkriege lieferten. Sie haben diejenigen alle überstanden. Und Sie haben Recht behalten, so sehr Recht behalten, dass Ihre die Schönheit, gern die des Südens suchende, übergreifende, so individuelle wie eigenwillig kompromisslose Musik bereits heute die eines modernen Klassikers ist,“ begann KFE-Präsident Dieter Topp die Laudatio auf den 84 Jahre jungen einstigen Rebellen.

Jens Rosteck schreibt: Hans Werner Henze war eine Ausnahmeerscheinung der deutschen Nachkriegskultur. Seine Opern lösten Eklats aus. Als radikaler Nonkonformist kehrte er der Enge der Adenauer-Jahre den Rücken, um sich in Italien niederzulassen. Als erklärter Pazifist und Antifaschist ergriff er 1968 die Partei der aufbegehrenden Studenten, solidarisierte sich mit kubanischen Revolutionären und beherbergte den vom Attentat genesenden Rudi Dutschke. …

Kultur schafft Toleranz
so lautet der Slogan des KulturForum Europa, ein Postulat, dem sich Maestro Hans Werner Henze auf musikalisch-kultureller Ebene ebenfalls verschrieben hat. Den Beweis für die breit gefächerte Umsetzung dieser Idee hat der Preisträger 2010 an Hand von unzähligen Kompositionen und Bühnenwerken in vielen arbeitsintensiven Jahren innerhalb und über die Grenzen Europas hinaus geliefert.

HWH : „Komponieren ist für mich eine Angelegenheit des Kontakts mit anderen Menschen.“

Eines seiner großen Anliegen ist die Hinwendung zu der jungen Zuschauer- und Darstellergeneration. So waren in die Uraufführung im Ruhrgebiet tätige jugendliche Musik- und Theaterschaffende involviert, um ihr kreatives Potential und ihre künstlerische Identität zu entdecken, zu fördern, herauszufordern und zu präsentieren. Das Werk GISELA verdeutlicht, wie wichtig es manchmal ist, alles hinter sich zu lassen, Neuem gegenüber offen zu bleiben, ohne die Tradition zu vergessen und alles miteinander zu verknüpfen, um schließlich doch zum Ziel zu gelangen.

Die besondere Aufmerksamkeit widmet Henze dem kulturellen Geschehen unter Einbeziehung der Jugend, der Generation, der destruktiv nationale Egoismen fremd sein mögen, so dass diese Menschen einmal ihr Vaterland im europäischen Zusammenhang sehen und verstehen. „Ein Europa der Bürger von morgen findet nur statt, wenn wir die Jugend von heute in unser aller Denken und Schaffen integrieren und ihnen mit dem Beispiel voran gehen in dem Sinne, dass die Idee Europa eine Chance bedeutet, das Modell friedlichen Zusammenlebens vieler verschiedener Menschen zu sein, deren Verschiedenheit als willkommenes Potential, als Mitgift gesehen wird, als Möglichkeiten, die bei der Lösung der vielfältigen anstehenden Probleme nützlich sein können und nicht etwas Angsterzeugendes, Fremdes, das es zu vernichten gilt“, hieß es in der Laudatio weiter.

Durch seine Werke trage Henze zum farbigen Geflecht des sozialen und kulturellen Miteinanders, der Toleranz und Akzeptanz von unterschiedlichen Nationen, Sexualitäten und auch Religionen, nicht nur der Bundesrepublik Deutschland, sondern in Europa und auch darüber hinaus bei, zur Sichtbarmachung, dass Kultur eine Ebene ist, auf der sich das Zusammenleben vieler verschiedener Menschen abspielt, deren Verschiedenheit das Besondere, eine Farbe und Vielfalt ausmachen. Dabei hilft persönlicher Kontakt, Ängste, Misstrauen und Unverständnis über Grenzen hinweg abzubauen und ein Netz des europäischen und internationalen Miteinanders zu knüpfen.

"Hans Werner Henze hat durch sein musikalisches Wirken im europäischen Raum nationale Grenzen und kulturhistorische Barrieren seit Jahrzehnten zu überwinden geholfen. Der Komponist wird heute für sein Werk und damit für sein sozio-kulturelles Wirken mit dem KulturPreis Europa 2010 ausgezeichnet", hieß es im Protokoll der Preisverleihung.

HWH:"Ich wollte immer bei den Menschen sein, im Leben der Menschen und nicht am Rande mit vornehmen Abwendungen."
Visconti thematisierte seine Sexualität in diesem Sinne niemals öffentlich, hatte aber keine Scheu, sich mit seinen Partnern Zeffirelli, Kier und zuletzt Helmut Berger zu zeigen. Henze zeigte sich dezidiert politisch links, er vertrat eine kompromisslose ästhetische Moderne. Später, als dies zum Adelszeichen wurde, durfte allen klar werden, dass er homosexuell war – historisch war er unangreifbar: eine Dokumentation, eine Errungenschaft, die man nicht außen vorlassen sollte.

Hans Werner Henze: Ein Mann und ein Meilenstein. Für eine generelle Umsetzung dieser ihrer Rechte kämpfen noch Tausende Menschen in allen Ländern und viele haben schon ihr Leben lassen müssen.
Der schwule Henze hatte in den 60er Jahren der grauen, dumpfen Adenauer-Ära Deutschland verständlicherweise den Rücken gekehrt. Und jetzt waren sie alle da, ihm, dem Unanfechtbaren die Ehre zu erweisen: Prof. Dr. Norbert Lammert (Präsident des Deutschen Bundestags) zusammen mit seinen Kollegen Parlamentspräsidenten aus der Türkei und Ungarn, Prof. Klaus Schäfer (Staatssekretär im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport), Peter Landmann (Leiter der Kulturabteilung der Staatskanzlei NRW), Dr. Jürgen Rüttgers (Ministerpräsident NRW a.D.), Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (Kulturstaatssekretär NRW a.D.), Christa Thoben (Ministerin für Wirtschaft, Mittelstand und Energie NRW a.D.), Heinz-Dieter Klink (Regionaldirektor Regionalverband Ruhr) sowie Henze-Schüler und Komponistenfreunde: unter ihnen Luca Lombardi (Komponist), Cord Meijering (Komponist und Leiter Akademie für Tonkunst Darmstadt), Stefan Hakenberg (Komponist) und Elke Heidenreich.

HWH: "Die Musik selber muss sagen, wie es weitergeht."
Seit 1993 wird der KulturPreis Europa ausgelobt. Die Folge der Preisträger mit Annemarie Renger, ehemaligen deutschen Bundestagspräsidentin, Prof. Dr. Helmut Zilk, Bürgermeister von Wien, Prof. Dr. Pasqual Maragall i Mira, Bürgermeister von Barcelona und sein Kollege Antonio Bassolino, Bürgermeister von Neapel und Präsident der Region Kampanien zusammen mit Napoli '99, der neapolitanischen Bürgervereinigung, Prof. Dr. Dr. Dimitris Th. Tsatsos, Staatsrechtler aus Griechenland, Minister Hans-Dietrich Genscher und Johannes Rau (Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen/Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland), 3sat, das öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm von ZDF, ORF, SRG und ARD, Theater in der Josefstadt, Wien und US-Autor Jeff Baron, Istanbul Foundation for Culture and Arts (Türkei), European Broadcasting Union/EUROVISION (CH), die Zagreb Biennale für zeitgenössische Musik (HR), dem Regisseur Radu Afrim und Teatrul National Timisoara, dem Ausgangsort der Revolution in Rumänien, würdigt der Preisträger des Jahres 2010 ein weiteres Mal, exemplarisch und ganz besonders.

Der KulturPreis Europa ist eine Auszeichnung, die zukunftsorientiert Leistungen auszeichnet, die der Preisträger vielleicht schon in jungen Jahren geschaffen hat, die jedoch – im Vergleich zu anderen Preisen – NICHT abgeschlossen ist.


Was kann man einem jungem Künstler von 84 Jahren, der Weltruhm genießt, noch mehr sagen, als ihm herzlich zu all seiner Arbeit, die er bereits geleistet hat, die die Besucher der neuen Oper GISELA ein weiteres Mal erleben dürfen und die er noch in Zukunft recht zahlreich erbringen mögen, herzlich zu gratulieren.

HWH: „Es ist den Kreativen aufgetragen, immer wieder Forschungsreisen ins Unbekannte zu unternehmen. Es gehört zum Menschsein, dass immer wieder Eroberung von geistigem Neuland unternommen wird, es scheint eine menschliche Notwendigkeit dahinter zu stecken, ein unstillbares, triebhaftes Verlangen.“ …

Foto: Der Sänger Fausto Reinhart (r.), den das Publikum in der männlichen Hauptrolle der Uraufführung begeistert feierte, assistierte bei der Preisverleihung, die im wahrsten Sinne des Worte schwer wog:

Als äußeres Zeichen überreichte er dem Träger des KulturPreis Europa eine wertvolle Schale aus MEISSEN, Europas erstem Porzellan von 1710.

Das MEISSEN® Objekt wurde gestaltet, als Hans Werner Henze geboren wurde und eigens zum Tag und Anlass produziert, passend für den jungen Preisträger und so jung wie sein musikalisches Werk.


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