REDE ZUR VERLEIHUNG DES KULTURPREIS EUROPA AM 24. JUNI IN MÃœNSTER

Vor wenigen Wochen hatte ich Gelegenheit in der norditalienischen Villa Vigoni einen deutsch-italienischen Dialog zur Stadtentwicklung mitzumachen. Einige von Ihnen wissen vielleicht, dass die Villa Vigoni inzwischen dazu auserkoren ist, den deutsch-italienischen Dialog zu betreiben, und für mich war es dabei bei der Begegnung mit Kommunalpolitikern Italiens eine ganz wichtige wertvolle Erfahrung, dass auf der kommunalen Ebene in Italien unglaublich viel passiert. Das betrifft Neapel, aber nicht nur Neapel, das betrifft Turin, Venedig, Palermo, viele verschiedener Städte großen und kleineren Zuschnitts, und ich denke, es ist hier eine ganz erstaunliche Entwicklung in Italien festzustellen, von denen wir mehr Kenntnis nehmen sollten als wir das bis jetzt tun.
Nea-Polis, die neue Stadt, das ist die Wiedergeburt der urbanen Handlungsfähigkeit unter schwierigsten Bedingungen unter gesellschaftlichen Brüchen und sozialen Konflikten, mit einer eingeschränkten Handlungsfähigkeit nationaler Politik unter den Bedingungen auch organisierter Kriminalität, der Belastung der Umwelt und natürlich den finanziellen Restriktionen einer Kommune.
Dabei geht es bei diesem Neuanfang nicht darum, eine urbane Vision der Harmonie zu kreieren. Das ist eine Sehnsucht, die wir Deutsche und zwar deutsche Kommunalpolitiker sehr gerne pflegen. Es geht nicht um die Anpassung und Unterordnung unter vermeidlich gesellschaftliche Zwänge, sondern es darum, dass man Disharmonie, ja sogar Feindlichkeiten in einer Stadt erkennt, dass man ein Nebeneinander und auch ein Gegeneinander ertragen kann und dennoch neue Horizonte eröffnet. 

Urbanität war nie eine Verständigung auf einen uniformen Lebensentwurf. Sie war und ist die Spannung zwischen sozialen Gruppen, Religionen, Kulturen, Nationalitäten, zwischen lokaler Selbstbehauptung und globalem Konkurrenzdruck. Sie verlangt durch ihre widersprüchlichen Lebensentwürfe nach Toleranz, nach Partizipation, nach Solidarität, nach Versöhnung mit der Natur und nach Dialog mit dem Fremden.

Dazu müssen wir, meine Damen und Herren, eine neue Sprache finden, mit der wir die geschichtliche und städtebauliche Entwicklung der Stadt mit den neuen technologischen, demographischen, migrationsbedingten Verände- rungen, Herausforderungen konfrontiert werden. Eine spannende Aufgabe für städtische Kultur.

Neapel wird in vielen Publikationen als erstaunliches Beispiel solcher kultureller Aufbruchsphase erkannt, nicht erst heute. Z.B. ist seinerzeit im WDR* eine große Sendung darüber gelaufen, aus ihr zitiere ich Herrn Silvestrini, "man muss schon mit Blindheit geschlagen sein, um diese starke Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft in einer Stadt wie Neapel nicht zu begreifen, wo die Ressourcen fast ausschließlich kulturelle Kräfte sind, Ressourcen des Wissens, was sich im Laufe der Jahrhunderte angesammelt hat. Es wäre kurzsichtig, wenn man auf dieses Wissen verzichten wollte, um es ganz durch neue Technologien zu ersetzen. Die Vergangenheit und die Zukunft, das traditionelle Wissen und die neuen Technologien müssen harmonisch miteinander verbunden werden.

" Und Sie, Herr Bassolino, haben 1996**, als Sie dazu befragt wurden, folgendes gesagt: "Wir haben versucht, uns zuerst besonders auf die kulturelle Identität der Stadt zu konzentrieren, die wie ich glaube, die größte Ressource von Neapel ist.

Als ich angefangen habe, schaute ich mich um und begriff sehr schnell, dass Neapel aufhören muß, andere Städte nachzuahmen. In Neapel gibt es keine Fiat, es gab sie nie, und es wird sie dort auch nie geben. Ich habe deswegen keine Träne vergossen, weil ich doch vom ersten Tag an wusste, das wir in Neapel außerordentliche Dinge haben, die es in Turin und Mailand nicht gibt und nie geben wird. Unser Schatz, unser wertvollstes Gut ist die immens reiche Geschichte, Kunst, Archäologie und Kultur, die wir in den vergangenen zwei Jahren stark aufgewertet haben. Zu diesem Reichtum ist auch unser gegenwärtiger Kulturschatz zu zählen, die Kreativität der Neapolitaner in vielen Bereichen, vom Kino über das Theater bis zur Musik. Die kulturelle Ressource ist allen anderen übergeordnet. Ich denke, dass im ganzen Land ähnliche Anstrengungen gemacht werden müssen. Die Kultur sollte die wichtigste Sorge der Regierung eines Landes sein, dass wirklich das aufwerten möchte, was es tatsächlich hat.

"Nun, meine Damen und Herren, mit diesem Zitat könnte man etwas spöttisch oder bissig auf die kulturpolitische Diskussion in der Bundesrepublik Deutsch verweisen, denn bei allem Vorteil der kulturpolitischen Kompetenz der Länder denke ich, dass wir auf den Dialog auf der nationalen Ebene nicht verzichten können.

Was macht das Beispiel Neapels für uns so faszinierend?

1. die Rechtsstaatlichkeit und Modernisierung der Behörden, die aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger, die Durchschaubarkeit von Entscheidungswegen in der Verwaltung.
2. Die ökologische Rückeroberung von Industriebrachen, die Aufwertung von Stadträumen, Parks, Wohnumfeldern, Plätzen. Die stufenweise Ordnung des Verkehrs.
3. Das Respektieren von Stadtgeschichte mit ihren gebauten Zeugnissen. Die umfangreichen Sanierungs- und Restaurierungsanstrengungen. Die Rücksichtnahme auf soziale Gruppierungen , die nicht Verdrängungsprozessen hilflos ausgeliefert werden.
4. Die Entfaltung kultureller Vielfalt als Voraussetzung städtischer Individualität und Identität.

Wir in Deutschland entdecken zehn Jahre seit dem Einigungsprozess gerade auch an der Entwicklung der ostdeutschen Städte, wie sich urbane Diskussionen verändern, wie sie neu bewertet werden müssen. Wir streiten uns um die ausufernden Zwischenstädte, die keine klare Zäsur mehr zulassen zum lebensnotwendigen ländlichen Raum. Wir streiten uns um das Ausbluten von Innenstädten durch neue urbane Entertainmentcenter, Factory Outlets, durch neue Mitten. Und die Flucht in die Romantik der überschaubaren, identifizierbaren mittelalterlichen Stadt hilft uns dabei nicht weiter. Denn oft wird dieser romantische Reflex von uns allen noch einmal beschworen, er ist aber keine Dimension für die heutige Diskussion. Deshalb ist der Dialog mit Städten wie Neapel für uns selber ein großer Gewinn. Dieser Preis heute versteht sich als ein europäischer Preis. Dies interpretiere ich eben deshalb nicht nur als Aufforderung zum Vergleich zwischen unterschiedlichen Stadtentwürfen in Europa, sondern auch als Anstoß über das Verhältnis der Städte zu Europa zu diskutieren, genauer zur Europäischen Union. Zwei Drittel aller Entscheidungen in Brüssel wirken sich unmittelbar auf die Städte in Europa aus. Haben wir das dann ausreichend zur Kenntnis genommen? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass gerade in Deutschland ein enormer Nachholbedarf ist an Einfluss- möglichkeiten, an Dialogfähigkeit mit der Europäischen Union.

Es ist ein eklatanter Fehler, dass die Bundesrepublik, dass die Länder nicht ausreichend dafür sorgen, dass die deutschen Kommunen in den europäischen Gremien ausreichend repräsentiert sind. Kein anderer Staat der Europäischen Union hat eine so geringe Repräsentanz der kommunalen Ebene in Europa wie die Bundesrepublik Deutschland. Italien hat eine sehr viel stärkere Repräsentanz.

Und wenn Sie dazu Beispiele brauchen, was im Augenblick auf der europäischen Ebene passiert, dann will ich das nur in Stichworten sagen:Kolossale Veränderung der Energiemärkte in Europa, aber unmittelbar auch der Stadtwerke in den Städten,
- die enorme Auswirkung der jetzt vorgesehenen Verordnungen über den Verkehr, über den öffentlichen Personennahverkehr,
- die Veränderungen der Telekommunikation mit den Richtlinien, die die Europäische Union vorbereitet und die sie schon erlassen hat,
- die globale Veränderung des Aufkaufens von Wasserressourcen in der Europäischen Union durch große Unternehmungen,
- die Monopolisierung von Abwasser, Entsorgung und Recyclingtechnik,
- die Diskussion, die für uns Deutsche sehr interessant werden wird, über die Frage der Sparkassen.
- die restriktive Beurteilung von kommunalen Bürgschaften, alles das sind enorme Fragestellungen, die auf die unmittelbare Wirklichkeit der Städte wirkt.

Die Europäische Union hat auch sehr viele Programme, ich will natürlich nicht versuchen, diese aufzuführen, aber zwei darf ich herausheben, weil ich sicher bin, dass sie auch etwas mit Neapel zu tun haben.

 Beispielhaft ist das Programm Urban in der Europäischen Union, in dem versucht wird, städtische Räume in der Vernetzung von politischen Inhalten nach vorne zu bringen, nämlich in der Vernetzung von ökonomischen, ökologischen, sozialen, kulturellen und Partizipationsgesichtspunkten. Oder es ging um die Frage der gemeinsamen Aufarbeitung von Industriebrachen. Dazu ist Neapel ein besonderes Beispiel. Neapel hat auf den meisten dieser Felder eigene Erfahrung gesammelt, und ich denke, wir müssten gemeinsam diese Vielfalt von der kommunalen Ebene nach Europa transportieren. Ich glaube, dass das heute noch ein großes Manko ist. 

So wie kein Mensch heute auf die Idee käme, in der Europäischen Union die Sprachen zu harmonisieren und zu sagen, wir müssen alle eine Sprache sprechen, sondern der Reichtum Europas gerade darin besteht, dass wir die Vielfalt von Kulturen haben. Genau so müssten wir uns bewußt darüber werden, dass die unglaubliche Vielfalt europäischer Städte, gewachsener europäischer Städte, ein Pfund ist, ein historisches Pfund ist, was es nicht zu nivellieren gilt, sondern was aus diesem Erfahrungsschatz aus Europa transportiert werden sollte, um den Dialog zwischen den Städten und zwischen den Regionen und Nationen zu beleben.

 Ich glaube, dass nur gesunde und lebhafte und kreative Städte ein gesundes und kreatives Europa ausmachen. Neapel hat mit dem bisherigen Bürgermeister Bassolino ein hoffnungsvolles Vorbild gegeben, wie man das unter sehr schwierigen Entwicklungen in Richtung einer urbanen Entwicklung für Europa vorantreiben kann.

Ich beglückwünsche Neapel, ich beglückwünsche die Bürgerinnen und Bürger aus Neapel zu diesem Preis, aber ich beglückwünsche auch die Autoren und Juroren, die dies entschieden haben. Sie, meine Damen und Herren in Neapel, haben zurecht den KulturPreis Europa 2000 erhalten.


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