(PPS) Die ehemalige Hauptstadt der Walachei, Targoviste, einst von großer Bedeutung für das heutige Rumänien, liegt heute abseits der Touristenroute weniger als 100 Km entfernt von Bukarest. Vergessen und ein wenig traurig schauen die Plattenbauten umsäumt von noch erhaltenen, prachtvollen Villen rumänischer Architektur des vorletzten Jahrhunderts. Die Zeit scheint stehengeblieben und spannt ihren zeitlichen Bogen zwischen 1456, als Vlad III. Draculea inthronisiert das Land mehrfach vor den Türken rettete, und 1989, als nach dem Urteil eines Militärtribunals der gestürzte kommunistische Diktator Ceausescu samt seiner Frau in dieser Stadt hingerichtet wurden.

Seit einigen Jahren startet die Stadt mit unterschiedlichen Attraktionen durch, um Gäste an die restaurierten historischen Städte zu locken und dringend notwendige Gelder einzuspielen.
Einer der wichtigsten Aktivitäten heißt BABEL F.A.S.T, ein Theaterfestival besonderer Provenienz. „Hierbei spielen Religion, Sprachen und nationale Politik weniger eine Rolle als das gemeinsame Bauen an einem internationalen unendlichen Turm von Demokratie, Diversity und Freundschaft, von Kennenlernen und miteinander Arbeiten, und vom künstlerischen Austausch zwischen rumänischen und internationalen Theatern: ein gutes und auch bislang alljährlich erfolgreicheres Unterfangen, das Manager und Theaterchef Mc Ranin mit seiner kleinen Crew des Theaters Tony Bulandra gemeinsam stemmen“, so Dieter Topp, Präsident des KulturForum Europa und Mitglied des Festivalkomitees.

BABEL F.A.S.T. (Festival der darstellenden Künste) baut seit 2009 an besagten „Turm“ mit jährlich unterschiedlichen Aufhängern. Shows, Symposien und Workshops stehen Besuchern und Darstellern zur Auswahl, darunter „Elemente“, „Krise“, „Farben“, „Körper“, „Klang“ und in 2018 „Gesten“.

Letztere enthielten Informationen und Aussagen über Archetypen, die eine Geste schneller und leichter geben kann als Worte. Eine Geste bringt Essentielles im Hier und Jetzt zum Aufblühen und kann so das Herz schneller anrühren. Emotion erzeugt durch Suggestion antwortet direkter als der Verstand über den Umweg intellektueller Stimulation. Natürlich muss der Geste eine Bedeutung innewohnen, sonst verkommt sie zu nichts anderem als einem Loch, einer Lüge durch den Körper ausgeworfen. Es heißt also für die Darsteller, die Wahrhaftigkeit von Wort und Geste kongruent zu gestalten, sonst ruiniert falscher Ausdruck den Charakter des Wortes in weniger als dem Bruchteil einer Sekunde.

Und so war BABEL 2018 auch ein aktueller Spiegel von moderner Gesellschaft: Eine Geste kann die Welt verändern. Wie wahr! 

Anfang Juni startete die Ausgabe mit einer Vorstellung des Gastgebers aus der letzten Spielzeit. Krankenzimmer Nr. 6 (Anton Tschechow) hinterfragte in der Inszenierung von Dumitru Acris aus Moskau das Drinnen und Draußen, wer geistig krank und wer wohl gesund sei, eine ständige Verunsicherung der Zuschauer mit einem brillanten Liviu Cheloiu in der Hauptrolle. Hierbei bestanden Tschechows Figuren allerdings mit großem Ernst darauf, dass diese Welt doch eigentlich die ihre sei.

Wucht von Stimme und Geste dieses Tschechows kam den koreanischen Gästen derart zu Pass, dass sie ihn nach Seoul holten. Und bereits nach der Vorstellung der Neuinszenierung des Tony Bulandra Theaters CARMEN erfolgte die Einladung fast zwangsläufig ein weiteres Mal. Regisseur Suren Shahverdyan aus Armenien hatte den Prosper Mérimée Stoff in ein Ambiente von „Chorus Line“ verlegt: wieder eine Paraderolle für Liviu Celoiu in dieser brutalen Audition, in der Don José und Regisseur (à la Michael Douglas) der Zuneigung zu Carmen, Bianca Pintea, keine Grenzen animalischer Tiefe gesetzt waren. Die zahlreichen Tanzszenen, die die Hauptsache (und sicher auch den enormen Publikumserfolg) des Stücks ausmachten, waren dem Choreografen Hugo Wolff geschuldet, dem es gelang, die Darsteller zu Höchstleistungsbewegungsabläufen zu bringen. 60 Minuten feines Tourneetheater erlebten ihre Geburt.

Noch übertroffen zu werden schien kaum möglich, was jedoch der Lear des russischen Theaters Kurgan bereits in den ersten Minuten widerlegte. Dumitu Acris, der Regisseur, der hier gleich mehrere Rollen seiner Shakespeare-Inszenierung zwangläufig selber verkörpern musste, was für ihn als ausgezeichneten Schauspieler kein Problem ausmachte. Die Umstände hatten es notwendig gemacht, da ein tschetschenischer Darsteller in Moskau festhing und ihm eine Weiterreise nicht ermöglicht wurde.
Eine Inszenierung, die Fragen nach der Zeit, in der wir leben, aufwarf und ergründen wollte, ob wir diese mit unserem Gewissen vereinbaren können, wurde durch die aktuelle Situation offenbar. Die Show paarte Armee, Krieg, Terror mit dem Verhältnis von Eltern und Kindern in Art einer grausamen Philosophie von Gewalt und Aggression eingebunden in die Welt von Shakespeare. Was war Wahrheit, was Täuschung? Gesetz, Moral, Logik und Vernunft brachen unter Getöse zusammen, Gewalt, Chaos, Wahnsinn und Zerfall bildeten die neuen Systeme der Weltordnung. Am Ende sind (wir) alle tot! Acris komponierte ein apokalyptisches Zeitengemälde aus wunderbaren Tableaus, die -beinahe schon am Ende des Entstehungsprozesses- wieder implodierten. Sein Lear ist ein aktuelles Menschheitsdrama: Die Alten wollen nicht von der Macht lassen, und wenn sie endlich loslassen, drehen ihnen die Jungen einen Strick daraus. „Sex, Crime und Rammstein à la Dumitru Acris“, wen wundert‘s, wenn diese Inszenierung in Russland bereits verboten wurde.

Zwei intellektuelle Ein-Personen-Stücke erregten das Interesse tief unten in den Ruinen eines alten Schlosses.
Peter Cismar, Chef des slowakischen Kontra Theaters und Shakespeare Festivals in Spisská Nová Vest gab "Macbeth". Er ließ den Krieger auf dem Müllhaufen unserer Zeit darüber nachdenken, ob er wirklich ein Mörder war oder alles nur Reflektionen seiner Imagination. Mit facettenreichem Stimmpotential spurtete der Protagonist durch die Geschichte. Zwanghaft mordend führte er dem Zuschauer brutale Realität vor Augen. Zurück blieb wie bei jedem Potentaten der Abfall, den es anschließend für die Zukunftsgeneration zu beseitigen galt und gilt.

Shakespeare und viele andere Klassiker wurden bereits in der Erdogan diktierten Türkei verboten. Die Erinnerung an ein düsteres Zeitalter in Deutschland, in dem Bücher verbrannt und Kunst zensiert wurde, erwachte aufs Neue. Unfreiheit der Meinung in Russland und im europäischen Ungarn und Polen sowie ein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika haben ein Horrorszenario am Welthimmel in tiefem Schwarz aufkommen lassen. Hatte Shakespeare nicht all das schon einmal in seinen Herrscher-Dramen niedergeschrieben, tausendfach kopiert und wieder und wieder neu interpretiert einem Weltpublikum vor Augen geführt? Hier schloss die Inszenierung von Klaudyna Rozhin an.

Richard III, eine weitere Shakespeare Herrscher-Tragödie, präsentierte die englische Schauspielerin (Schriftstellerin) Emily Carding, die sich mit diesem Stück seit 2015 ständig auf internationaler Tour befindet. Zahlreiche Preise (Prag Finge Festival u.a.) nennt sie bereits ihr Eigen und jedes Mal überzeugte sie mit einer starken One-Woman-Show. In der Rolle des verkrüppelten Richard III. band sie in den unterirdischen Gewölben das Publikum mit in ihre Vorstellung ein. Einige Kenntnisse der englischen Sprache waren notwendig, dann jedoch verwob Carding die Schar der "Gäste" in dieses Drama, das mit komödiantischen Aspekten stets einen Bezug zum Heute und Jetzt herstellte. Dazu trug eine alte rumänische Shakespeare-Übersetzung ebenso bei wie die Liebe der Rumänen zu guten Texten. Die Sprache Shakespeares, angereichert mit aktuellen Pointen benutzte die Schauspielerin als Schwert, womit sie alle notwenigen Morde verübte. "Darsteller aus dem Publikum" bekamen als äußeres Zeichen "tot" aufs Revers geheftet. Wer die Protagonisten des Stücks kannte, wusste, ob er "lebend" den Raum verlassen konnte, oder ob ihn das gleiche Schicksal wie Richard erreichen würde, der auf der Suche nach einem "Pferd für ein Königreich" vor den Füßen der Zuschauer verendete. Nicht enden wollender Applaus für eine weibliche Bowie mit Tilda Swinton Glamour und der Aufdringlichkeit einer Theresa Mary May. Alles vereint befand sich in einer einzigen Emily Carding, auf die wir uns in Deutschland doch bald einmal freuen sollten!

 

Die gesamte Veranstaltungsreihe zu beschreiben, würde den Rahmen des Berichts sprengen.
Daher noch einige Anmerkungen in Kürze. Die neue Show des Teatro dell’Argine (Bologna) mit sehenswerten traumgleichen, poetischen Elementen faszinierte ebenso wie Elena Gabriela Munoz Frias‘ Vielleicht, Vielleicht, eine mexikanische Mischung aus Theater, Zirkus und Oper. Sie gab diesen Clown erfolgreich in zahlreichen Ländern rund um den Globus gleich Only Bones v1.0 des Kallo Kollektivs und Theaters der Körpersprache im Feld zeitgenössischer Zirkus Vorstellung aus Finnland. Das Publikum war nicht zu halten. In der Ensembleleistung überzeugten das Tangaj Dance & Centrul National al Dansului aus Bukarest ebenso wie die zirzensische Groteske 1969: A Space Odyssey? Oddity! des KPR Theaters aus Japan. Bertrand`s Toys aus Russland interpretierte eine Welt, die nicht ist, was sie zu sein scheint

In To_R (Pomana/Almosen) explodierte das Theater Studio M zusammen mit Pal Frenak aus dem rumänischen Sfantu Gheorghe. Die zumeist aus Schauspielern bestehende Truppe hat sich seit 2005 dem Bewegungstheater und zeitgenössischen Tanz verschrieben und bot hier eine Leistung in perfekt verschmolzener Brillanz dieser beiden Elemente, eine hochkarätige Vorstellung, die den bekanntermaßen äußerst hohen Ansprüchen des Choreografen Pal Frenak voll genügten. Die Darbietung enthielt typische Elemente aus dem Leben des Choreografen: Innen- und Außenwelt körperlicher Behinderung, Taub- und Stummheit berührten in der Welt von Inklusion die Besucher.

Gleich zweimal stand die Antigone des Sophokles auf dem Festivalplan.
Mc Ranin inszenierte die Vorstellung des Alexandru Davila Theaters aus Pitesti (Ro), Bühne und Kostüme stammten von Maria Miu, die Choreografie wieder von Hugo Wolff.
Statisches Schauspiel, Text, gesprochenes Wort, durchwebt von Bewegungsabläufen ritueller Manier, Reminiszenzen an eine frühere Welt, eine vergangenen Erde auf anderem Planenten, in Kostümen voll eleganter asiatischer Ethnie, schwangen durch den Raum, mehr einem Film ähnlich, der dies szeniastisch ausmalt. Zu archaisch anmutender Musik und Geräuschen von Catalin Cretu zog es die Zuschauer magisch in das Innere, begleitet von dem anhaltenden Auf- und Ab eines Soundtrack des Chores zur Unterstützung von Worten, Gesten und Atmosphäre.
In dieser speziellen Art von Körpertheater, dem rituellen Spiel mit ältesten Wurzeln der Theaterkunst und verbunden mit den Theaterformen der außereuropäischen Kulturkreise, verwirklichte Regisseur Mc Ranin ganz persönliche Vorstellungen: Befreiung von Seele und Geist, die Verbindung künstlerischer, magischer und soziotherapeutischer Aspekte in der Weise, dass es die Spieler und Spielerinnen ohne dazwischengeschaltete Rollen oder Masken mit dem jeweiligen Thema verbindet.

Ein lautstarkes Requiem für Antigone, eine Performance anderer Provenienz präsentierte die Theatergruppe GACHIGA aus Süd-Korea, deren Name programmatisch für die experimentelle Umsetzung klassischer, zumeist europäischer Stücke in totale zeitnahe Interpretation steht. Verantwortung für Mensch und Umwelt stehen dabei im Vordergrund, ein antikes Thema obliegt vollends dieser Idee und liegt – sicher auch aus Gründen ihrer Europa-Tourneen - mehr transversal denn als verbindendes Element.

Die Ränge der Spielstätten von BABEL 2018 füllten sich durchweg bis auf den letzten Platz, Outdoor Veranstaltungen zogen Groß und Klein zu Hauf in ihren Bann. In dieser Ausgabe zeigte sich der BABEL-Gedanke noch deutlicher im Zuspruch durch Zuschauerzahlen als zuvor. Eine schier unüberschaubare Anzahl junger Volontäre aus Schülern und Studenten zeugte von der pädagogischen Tragweite dieses Festivals. In einer überaus harmonischen Atmosphäre für Akteure, Bühnenarbeiter, Helfer und Gäste blieb eine Träne zum Abschied in der Hoffnung auf ein neues, spezielles BABEL 2019.


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